
Manche Konzepte begegnen einem im Studium. Andere begleiten einen plรถtzlich durch das echte Leben. Fรผr mich wurde das Rubikon-Modell von Heckhausen und Gollwitzer und detailliert beschrieben im Motivationstraining zu genau einem solchen Begleiter. Im Kern beschreibt das Modell den Weg von einem Wunsch รผber die Entscheidung bis hin zur konkreten Handlung. Der entscheidende Moment dabei ist die รberquerung des Rubikons: Der Punkt, an dem aus Abwรคgen ein Entschluss wird. Der Punkt, an dem aus โVielleichtโ ein โIch mache esโ wird. Der historische Bezug geht auf Julius Caesar zurรผck. Mit dem รberschreiten des Rubikons setzte er einen unumkehrbaren Prozess in Gang. Der berรผhmte Ausspruch Alea iacta est („Der Wรผrfel ist gefallen“) symbolisiert genau diesen Moment.
Interessanterweise begegnete mir dieser Gedanke nicht nur im CAS in Psychologischem & mentalem Training im Sport, sondern auch wรคhrend meiner eigenen sportlichen Projekte. Im Sommer 2026 stand ich vor einer schwierigen Entscheidung. Ein grosses Abenteuer war geplant. Die Vorbereitung lief. Die Motivation war da. Doch bereits auf dem Arbeitsweg bemerkte ich nach wenigen Kilometern, dass mein Knie immer noch nicht bereit war. Siehe auch mein frรผherer Beitrag: Wenn das Abenteuer warten muss.
In diesem Moment begann der innere Dialog, den wohl viele Athlet:innen kennen:
- Vielleicht geht es doch.
- Vielleicht wird es unterwegs besser.
- Vielleicht reicht es trotzdem.
Gleichzeitig wusste ich, was eine solche Entscheidung bedeuten kann. Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem das weitere Abwรคgen keinen Sinn mehr ergab. Alea iacta est. Befreiend war diese Entscheidung, obwohl nicht in Richtung Start, sondern bewusst dagegen. Manchmal bedeutet mentale Stรคrke eben nicht, weiterzumachen, sondern rechtzeitig die richtige Entscheidung zu treffen.
Ein Sabaton-Moment
Wenige Tage zuvor entdeckte ich zufรคllig den relativ neuen Song Crossing the Rubicon von Sabaton. Als Teilzeit-Metalhead hat mir dieser Song ein lรคcheln ins Gesicht gezaubert. Das Rubikon-Modell hatte mich bereits einige Zeit beschรคftigt und plรถtzlich lief dazu der passende Soundtrack. Noch unterhaltsamer wurde es, als ich kurz darauf im Buch No Fear of the Dark von Burkhard Gniewosz und Jรถrg Zumbach auf die Quellenangabe zum mรถglicherweise bald erscheinenden, passenden Sabaton-Song und ergรคnzten im Literaturverzeichnis: โGeschrieben vor dem Release von Crossing the Rubicon โ ich schwรถr!โ. Genau mein Humor. Zumal dieses Buch schon eine riesen Unterhaltung, schliesslich beschรคftigt es sich mit nichts Geringerem als der Psychologie des Heavy Metals. Wonach die These aufgestellt wird, dass Metalheads beim Headbangen Emotionsregulation betreiben, folglich durchaus relevant fรผrs Mentaltraining.
Warum Selbsterfahrung wichtig ist
Im Mentaltraining wird oft รผber Methoden gesprochen:
- Visualisierung
- Selbstgesprรคche
- Achtsamkeit
- Zielsetzung
- Aufmerksamkeitsregulation
All diese Methoden kรถnnen hilfreich sein. Fรผr mich bleibt jedoch die Selbsterfahrung ein zentraler Bestandteil. Methoden werden erst dann wirklich verstรคndlich, wenn sie unter Belastung, Mรผdigkeit, Unsicherheit oder Rรผckschlรคgen selbst erlebt werden. Deshalb sind meine Erfahrungen aus Ultracycling, Marathonvorbereitung, Erfolgen, Abbrรผchen und Krisen ebenso wichtig wie die theoretischen Modelle aus Ausbildung und Fachliteratur.
Lernen hรถrt nicht mit dem CAS auf
Mit dem Abschluss des CAS in Psychologischem und mentalem Training endet das Lernen nicht. Im Gegenteil. Neben dem CAS haben mich zahlreiche Bรผcher begleitet und werden mich weiterhin begleiten. Die Beschรคftigung mit Mentaltraining, Sportpsychologie, Motivation, Selbstregulation und menschlicher Entwicklung bleibt fรผr mich ein fortlaufender Prozess. Das Ziel ist dabei nicht, immer mehr Methoden zu sammeln. Das Ziel ist, Menschen besser zu verstehen. Und zu verstehen, welche Strategien fรผr welche Person tatsรคchlich funktionieren.
Mental Endurance
Vielleicht beschreibt das Rubikon-Modell deshalb auch die Entstehung von Mental Endurance am besten. Aus persรถnlichem Interesse durch einen Tiefpunkt wurde Weiterbildung. Aus Weiterbildung wurden erste praktische Erfahrungen. Aus Erfahrungen entstand ein Interventionskonzept. Und irgendwann kam der Moment, an dem aus einer Idee ein konkreter Schritt wurde. Alea iacta est.


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