Everesting Buchenegg: Wie Mentaltraining aus 36 Auffahrten vier Kapitel machte


Am 3. Oktober 2026 absolvierte ich bei der Buchenegg ein Everesting: 36-mal dieselbe Auffahrt und Abfahrt, insgesamt 216 Kilometer und 8’848 Hรถhenmeter. Fรผr viele klingt ein Everesting vor allem nach einer kรถrperlichen Herausforderung. Fรผr mich war es mindestens genauso ein mentales Projekt. Bereits Wochen vor dem Event begann ich deshalb, meine mentale Strategie zu entwickeln. Statt die 36 Auffahrten als einen riesigen Block zu betrachten, teilte ich den Tag in vier Kapitel ein und รผberlegte mir welcher Song am besten dazu passen kรถnnte. Zudem habe ich mir ein kurzes Video mit Bildern von Erlebnissen, welche bei mir schรถne Emotionen auslรถsen mit den prรคgnantesten Songausschnitten zusammen gestellt. Dann noch mit Texteinblendungen die mich motivieren. Das habe ich vor dem Event mehrmals tรคglich angeschaut bzw. gehรถrt.

Act I โ€“ The Summoning (Anstiege 1-9)

Der Aufbruch. Mit Heart of Courage von Thomas Bergersen als Soundtrack stand dieser Abschnitt fรผr den Beginn eines Abenteuers. Nicht Leistung, sondern Prรคsenz war hier die Aufgabe.

Act II โ€“ Shit Gets Real (Anstiege 10-18)

Der Berg wurde Realitรคt. Die Anfangseuphorie war vorbei und der Rhythmus des Tages entstand. Es ging darum, eine Auffahrt nach der anderen zu absolvieren und konsequent im Prozess zu bleiben.

Act III โ€“ Into The Abyss (Anstiege 19-27)

Der schwierigste Abschnitt des Tages. Interessanterweise nicht wegen der Beine. Vielmehr meldete sich das rechte Knie gelegentlich und sorgte fรผr Unsicherheit. Die Beschwerden verschwanden zwar jeweils wieder, lรถsten aber genau jene Gedanken aus, die bei langen Ausdauerleistungen entstehen kรถnnen.
Rรผckblickend war dies die mentale Schlรผsselphase des Everestings. Ich habe auch schon erwartet, dass dieser Abschnitt am schwierigsten sein wird, weil andere allenfalls schneller sind und ich dann auf eine Art ungeduldig werde, insbesondere dann sobald es wieder einzudunkeln beginnt.

Act IV โ€“ Legacy (Anstiege 28-36)

Das Vermรคchtnis. Ab hier wusste ich, dass das Everesting erreichbar war. Der Fokus verlagerte sich von der Frage, ob ich es schaffen wรผrde, hin zur Frage, wie ich dieses Erlebnis bewusst erleben wollte. Im Nachhinein betrachtet habe ich mich primรคr damit beschรคftigt, ob ich jetzt 5 oder doch 7 der 9 Auffahrten bezwinge ehe ich mich nochmals kurz im „Basecamp“ verpflege und es anschliessend richtig geniessen kann.

Vier Songs als mentale Anker

Fรผr jeden Abschnitt definierte ich einen Song:

– Heart of Courage โ€“ Thomas Bergersen
– Tales of War โ€“ Orbit Culture
– The Greatest Fear โ€“ Parkway Drive
– Legacy โ€“ Five Finger Death Punch
Etwa alle sechs Auffahrten hรถrte ich die vier Songs bewusst und vollstรคndig. Sie halfen mir, mich emotional neu auszurichten und die Geschichte des Tages immer wieder zu aktivieren.
Ja, inklusive gelegentlichem Headbangen auf dem Fahrrad.

Kreide statt Coaching

Eine spontane Idee entwickelte wรคhrend des Events eine unerwartete Wirkung. Mit Strassenkreide schrieb ich Botschaften und kleine Sprรผche auf die Strecke wie „Everest is melting“ oder oben beim Passschild „One more turn“. Spรคter stellte ich die Kreide den Helfenden zur Verfรผgung mit nur einer Anweisung:

„Be creative.“

Die Rรผckmeldungen waren jedenfalls sehr positiv. Mehrere Teilnehmende berichteten, dass ihnen die Botschaften einen zusรคtzlichen Motivationsschub gaben oder haben gelรคchelt als sie mich sahen, diese Botschaften auf den Asphalt zu schreiben. Fรผr mich war das eine schรถne Erinnerung daran, dass mentale Unterstรผtzung oft nicht kompliziert sein muss. Manchmal reicht ein Satz zur richtigen Zeit.

Der Plan ging auf

Vor dem Event schรคtzte ich, dass ich etwa 14 bis 16 Stunden benรถtigen werde.
Am Ende standen:

– 216 km
– 8’848 Hรถhenmeter
– 14h10 Gesamtzeit
– davon 1h05 Standzeit
Die Verpflegung funktionierte ebenfalls gut. Nach einer frรผhen Auffรผllpause folgten eine Chicken-Rice-Bowl zur Mittagspause (nach Act II) und spรคter eine weitere kurze Verpflegungspause. In der zweiten Hรคlfte deckte ich einen grossen Teil der Energiezufuhr รผber Iso-Getrรคnke ab. Besonders zufrieden bin ich mit der Konstanz der Leistung. Die Auffahrten bewegten sich zwischen 14:24 (6. Auffahrt mit den 4 Anker Songs, haben mich wohl richtig motiviert ๐Ÿ˜…) und 18:08 Minuten. Auch im letzten Abschnitt konnte ich noch drei Auffahrten unter 17 Minuten fahren.

Was ich aus diesem Everesting mitnehme

Mentaltraining ersetzt kein Training. Aber Mentaltraining hilft dabei, das vorhandene Potenzial dann abzurufen, wenn es gebraucht wird. Die vier Kapitel, die Musik, die Visualisierung und die bewusste Gestaltung des Tages haben das Everesting nicht leichter gemacht. Sie haben ihm jedoch Bedeutung gegeben. Und genau darin liegt aus meiner Sicht die Stรคrke von Mentaltraining. Nicht darin, Herausforderungen kleiner zu machen. Sondern darin, ihnen eine Geschichte zu geben, die es wert ist, erlebt zu werden.

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